Rückblick
Auszug aus der Predigt zum Pfingstmontag 2003 von Pfarrer Ferdinand Rauch, Pfarrgemeinde St. Joseph, Fulda
Pfingstmontag 2003 Lk 10,21-24
Schon ein paar Mal habe ich hier von jenen Plakaten gesprochen, die genau gegenüber der Pfarrhaustür an den zwei riesigen Plakattafeln so zirka alle 14 Tage ausgewechselt und neu angebracht werden. Ein Plakat, was leider vor ein paar Tagen wieder durch ein anderes ersetzt wurde, hatte mir besonders gefallen. Als ich es sah, dachte ich sofort an das nahende Pfingstfest. Allein schon der feuerrote Grundton erinnerte an die so genannten Feuerzungen des Heiligen Geistes.
„Schade", dachte ich, „schade, dass das Plakat so groß ist. Das ist zu groß, um es in der Kirche aufhängen zu können. Doch dann kam mir die Idee, per Internet die Firma zu suchen und eine Mail an sie zu senden, ob sie mir nicht das Plakat zusenden könnten. Ich fände es sehr gut und würde es gern zur Predigt verwenden. Der Haken sei nur, es sei so riesig – einfach zu groß für eine Verwendung in unserer Kirche. Ob sie es nicht etwas kleiner hätten?
Es war ein Versuch. Und es klappte! Kostenlos sandten sie mir mit den besten Grüßen und dem Wunsch für ein gutes Gelingen dieses Plakat in dreifacher Ausfertigung zu.
Ganz groß in der Mitte – den meisten Raum einnehmend – sehen wir 13 Quadrate, von denen zwei mit Fotografien ausgefüllt sind. Und diese Fotos zeigen eine Zuordnung von einem jungen Mann einerseits und einem kleinen Mädchen andererseits, die sich spielerisch leicht und glücklich ergriffen anschauen. Und jeder sieht darin sofort tiefer erkennend einen jungen Vater und seine kleine Tochter. Und genau diese Zuordnung von Vater und Tochter erinnert an das bekannte Spiel mit dem Namen „Memory".
Bei diesem Spiel liegen alle Karten so, dass man nur ihre Rückseite sieht. Durch das Aufdecken von zwei Karten sollen die zueinander gehörenden Bilder gefunden werden. Meistens klappt das nicht sofort, und so muss man sich merken, was auf den unterschiedlichen Bildern zu sehen war. Dann werden die aufgedeckten Karten wieder umgedreht und ein anderer versucht sein "Glück", aber auch mit Hilfe von „Memory", von Erinnerung, zwei zueinander gehörende Bildkarten zu finden.
Hier sind zwei Bildkarten aufgedeckt, wo die dargestellten Bilder zwar nicht identisch sind – also ein Bild nicht so aussieht wie das andere, wo aber trotzdem jeder spürt: diese beiden Bilder gehören zusammen. Denn was gehört mehr zusammen als Vater und Tochter? Was gehört mehr zusammen als Eltern und Kinder? Und dementsprechend steht
über der optischen Botschaft der Bilder der deutende Satz: Entdecken, was wirklich wichtig ist. Und unten rechts – etwas kleiner die Botschaft: „Mehr Zeit für Kinder."
Ich halte dieses Plakat für ein spitzenmäßiges Werbekunstwerk mit Tiefgang. Denn es wirbt nicht zuerst für den Verkauf von Spielen, auch wenn es für die Firma Ravensburger selbstverständlich dazugehört und jetzt durch mich beste Werbung erhält. Aber in erster Linie spricht sie etwas in uns Menschen an, was einer der tiefgehendsten Gedanken für uns Menschen ist, nämlich: „Entdecken, was wirklich wichtig ist."
Die Antwort: „Mehr Zeit für Kinder!" Und zwar: Mehr Zeit der Väter für ihre Kinder. Mehr Zeit der Eltern für ihre Kinder.
Und zwar: Zeit zum Spielen. „Zeit zum Spielen" heißt in erster Linie: Zeit mit mir und Dir! Nicht: Zeit für etwas, wie zum Beispiel für Schule, für Arbeit, für Leistung, sondern „Zeit für uns". Denn das ist die qualitätvollste Zeit.
Und wenn ich dann auf dieses so inhaltsreiche und tiefgehende Plakat schaue und dazu die Worte des heutigen Evangeliums in aller Ruhe lese, dann empfinde ich, als erschließe mir das Plakat gerade das heutige Evangelium,
wo es heißt:
„In jener Stunde rief Jesus, vom Heiligen Geist erfüllt, voll Freude aus: Ich preise Dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil Du all das den Weisen und Klugen verborgen, den Kindern aber offenbart hast. Ja, Vater, so hat es Dir gefallen. Mir ist von meinem Vater alles übergeben worden. Niemand weiß, wer der Sohn ist – nur der Vater, und niemand weiß, wer der Vater ist, nur der Sohn, und der, dem es der Sohn offenbaren will. Selig sind die, deren Augen sehen, was ihr seht." (Lk 10,21-23)
Das heutige Evangelium lässt uns „entdecken, was wirklich wichtig ist", nämlich Kindsein vor Gott dem Vater.
Dessen sollen wir uns erinnern. Das ist unser christliches Memory-Spiel. Wir sollen uns mehr Zeit für uns als Kinder Gottes nehmen. Dann wird etwas Wirklichkeit, was diese beiden im Plakat aufgedeckten Memory-Karten zeigen:
„Selig sind die, deren Augen sehen, was ihr seht."
Ich wünsche uns allen, dass wir wie Jesus, vom Heiligen Geist erfüllt, auch einmal voll Freude ausrufen können:
„Ich preise Dich Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass Du Dich uns unmündigen Kindern als unser Vater offenbart hast."

